Sie löste mit ihrem authentischen Bericht eine Diskussion zu diesem Thema aus. In ihrem neuen Buch will sie nun mögliche Wege aus der Pflegefalle zeigen.

Warum haben Sie vor zwei Jahren Ihr Buch „Mutter, wann stirbst du endlich“ geschrieben?

Ich war wütend, weil wir eigentlich unseren Eltern helfen wollten. Aber dann haben wir eine solche Katastrophe erlebt. Ich war gleichzeitig frustriert, weil ich mich von der Gesellschaft im Stich gelassen gefühlt hatte. Und parallel wurde die häusliche Pflege in den Medien immer als so vorbildlich dargestellt. Heute hat sich diese Wahrnehmung wenigstens ein wenig geändert.

Bei schweren Krankheiten, wie zum Beispiel Demenz, braucht es adäquate Einrichtungen und professionelle Hilfe, die Verwandte gar nicht leisten können.

Wie wurden Sie in dieser schweren Zeit unterstützt?

Wir haben die meiste Hilfe selbst organisiert. Allerdings hinkten wir mit unseren Maßnahmen immer hinterher, weil sich die Erkrankungen verschlimmerten. Wir hatten stundenweise Pfleger, eine Haushaltshilfe, eine Tagespflege, kurze Zeit ein Pflegeheim, irgendwann eine Pflegerin rund um die Uhr und zum Schluss sogar zwei Pfleger, die zu Hause eingezogen sind.

Hatte Ihre Mutter eine zusätzliche Pflegeversicherung?

Ja, aber die reichte natürlich nicht aus. Meine Eltern haben das mit ihrem Vermögen selbst finanziert. Mir schreiben viele Leser, dass sie durch ihre Hilfe inzwischen finanziell ruiniert sind.

Wie würden Sie privat heute anders agieren?

Wir hätten uns schon vorher mit der gesamten Familie zusammensetzen müssen. Dann hätte man genau besprochen, wie man in einer solchen Situation am besten reagiert. Auf mir lastete leider auch immer der Wunsch meiner Eltern, auf keinen Fall in ein Heim zu gehen. Wir hätten in dieser schwierigen Phase sicher früher aus diesem Mehrgenerationenhaus ausziehen sollen, um mehr Abstand zu gewinnen. Aber das sagt sich so leicht.

Was kann – unabhängig von privaten Entscheidungen – die Gesellschaft ändern?

Zuerst einmal müsste auf verschiedenen Ebenen ein Umdenken stattfinden. Angehörige, die ihre Eltern zu Hause pflegen, werden auch heute noch als Helden präsentiert. Die anderen, die eine Lösung im Pflegeheim sehen, werden dagegen als Verlierer gebrandmarkt. Diese Schwarz-Weiß-Malerei stört mich.

Bei schweren Krankheiten, wie zum Beispiel Demenz, braucht es adäquate Einrichtungen und professionelle Hilfe, die Verwandte gar nicht leisten können. Sich kümmern heißt eben nicht pflegen. Schließlich leidet auch der Kranke enorm unter der Situation. Kinder oder Ehepartner haben außerdem eine hohe emotionale Bindung zu dem Patienten. Es fehlt die nötige Distanz. Und leider existieren immer noch geschlechtsspezifische Klischees: Danach organisieren die Söhne perfekt eine Hilfe – bei den Töchtern fragt man stattdessen, warum sie sie nicht selbst umsetzen.

Was wünschen Sie sich von der Politik?

Sie darf die Verantwortung für alte Menschen nicht auf die Kinder abwälzen. Pflegende Angehörige sollten finanziell noch besser unterstützt werden. Sie müssen wie nach der Erziehungszeit wieder im Beruf Fuß fassen können.

In Ihrem neuen Buch zeigen Sie Wege aus dieser Pflegefalle auf. Können Sie ein Beispiel geben?

Ich gehe gerade auf viele Unternehmen zu. Es gibt Millionen von Mitarbeitern, die in Zukunft mit einer ähnlichen Situation zu Hause konfrontiert sind. Gleichzeitig gibt es in Deutschland aber zu wenig Pflegekräfte. Bei einer privaten Belastung, die zur beruflichen hinzukommt, ist das Burnout vorprogrammiert. Es braucht präventive Maßnahmen und eine Diskussion über die potenzielle Gefährdung aller Betroffenen bei einem Pflegefall. Keiner muss pflegen bis zur Selbstaufgabe. Denn das nützt letztendlich niemandem.