Herr Wagner, Sie sind seit September neuer Präsident des Deutschen Pflegerates e. V. (DPR). Was ist Ihnen für 2018, für den ersten Pflegetag, bei dem Sie Präsident des DPR sind, ein besonderes Anliegen?

Wagner: Mir liegen besonders zwei Botschaften am Herzen: die eine in Richtung Politik, dass es jetzt allerhöchste Zeit ist, umfassend in den Pflegebereich zu investieren. Wir benötigen einen Umbau statt Reparaturarbeiten. Und die Berufsgruppe selbst möchte ich ermutigen, sich zu Wort zu melden, sich zu wehren, etwas zu verlangen und auch, dass es Hoffnung gibt. Wir haben gute Konzepte und eine reelle Chance, diese zu verwirklichen. Die Pflegefachpersonen sind kein „Problem“, sondern ein wichtiger Teil der Lösung! Der Deutsche Pflegetag dient als Plattform für diesen Diskurs – und das wollen wir in Zukunft noch weiter ausbauen. 

Die Pflegestärkungsgesetze I–III, die Verabschiedung der Generalistik für die Pflegeausbildung – in den letzten Jahren hat sich vonseiten der Gesetzgebung einiges für eine Verbesserung der Rahmenbedingungen in der Pflege getan. Dennoch erleben wir noch immer einen eklatanten Fachkräftemangel. Was muss geschehen, um den Beruf attraktiver zu machen und die Wertschätzung der Pflegekräfte voranzutreiben?

Wagner: Das ist richtig, doch ist noch wenig davon bei denen zu spüren, die tagtäglich in der direkten Pflege arbeiten. Manches durchaus positive Gesetz wurde über Kompromisse deutlich in seiner Wirksamkeit begrenzt und vieles braucht einfach Zeit. Kernelemente für eine optimale Pflege und die Attraktivität des Berufes sind vor allem drei Dinge: erstens eine deutlich bessere und spürbare Personalausstattung. Zweitens die gesellschaftliche und politische Anerkennung der Fachkompetenz von professionell Pflegenden und auch die Freiräume, die eigene Kompetenz einsetzen zu können. Drittens eine angemessene Vergütung der Pflegefachpersonen in ganz Deutschland. Denn Pflege ist ein attraktiver, toller Beruf! Sie bietet eine große Vielfalt an Entwicklungs- und Karrierechancen. Aber beruflich Pflegende müssen die Arbeit auch bewältigen und davon leben können!

Und sie müssen befähigt werden, besser darzustellen, was sie tun und wie ihre Arbeit das Leben und Wohlbefinden von Menschen verbessert. Dazu braucht es auch Argumente, die nur die Wissenschaft liefern kann. Deshalb hoffe ich auf ein großes Förderprogramm für die Pflegeforschung in der neuen Legislaturperiode. Davon würden die zu Pflegenden mindestens genauso profitieren wie die beruflich Pflegenden selbst.

Der Deutsche Pflegetag 2018 steht unter dem Motto „Teamarbeit – Pflege interdisziplinär!“. Welche Bedeutung hat die Zusammenarbeit innerhalb der Pflegedisziplinen – aber auch zwischen Ärzten und Pflegekräften – für die Zukunft der Pflege?  

Graalmann: Alle Akteure im Gesundheitswesen betonen immer wieder, dass allein der Patient im Mittelpunkt ihrer Aktivitäten steht – eben diese Patientenorientierung macht eine intensive Zusammenarbeit zwischen allen Professionen notwendig. Und da, bin ich sicher, gibt es noch eine Menge Luft nach oben. So nehmen ältere Menschen leicht fünf oder mehr Arzneimittel parallel ein, ohne dass es eine hinreichende Transparenz über Wechselwirkungen gibt. Bei diesem Medikationsmanagement kann die Pflege zukünftig eine viel stärkere Rolle einnehmen. Und auch eine stärker vernetzte Ausbildung von Kranken- und Altenpflege macht nicht zuletzt aufgrund der älter werdenden Bevölkerung nachhaltig Sinn. Auf dem Deutschen Pflegetag 2018 wollen wir die interdisziplinäre Zusammenarbeit im Team zwischen Ärzten und Pflege diskutieren und freuen uns, dass wir Prof. Cornel Sieber, den Präsidenten der Deutschen Gesellschaft für Innere Medizin, für einen Impulsvortrag gewinnen konnten. Er steht exemplarisch für das Motto „Gute Ärzte wollen eine starke Pflege“.

Die Pflegeprofession meldet sich mit dem nun mittlerweile fünften Pflegetag immer offensiver zu Wort, und das wiederum ist Voraussetzung für eine zunehmende politische Wertschätzung. Ich finde es immer wieder beeindruckend, dass die Pflegekräfte zuerst an ihre zu Pflegenden denken und dann an sich. Unsere Gesellschaft ist auf eine qualitativ gute Pflege stärker angewiesen denn je – dafür müssen sich die Rahmenbedingungen deutlich verbessern. Das ist eine der zentralen Anforderungen an die neue Bundesregierung und eine unbedingte Voraussetzung für eine optimale Pflege, die sowohl den zu Pflegenden als auch den Pflegekräften gerecht wird.

Deutscher Pflegetag