Angehörige sind aufgrund der Pflege, der eigenen Familie und ihres eigenen Berufslebens meist über viele Jahre hinweg mehrfach belastet. Um die eigenen Bedürfnisse nicht komplett in den Hintergrund zu stellen, hilft diese Maßnahme.

Für einige Betroffene ist es eine Selbstverständlichkeit, andere fühlen sich zur Betreuung verpflichtet: Wenn Angehörige die Pflege eines Verwandten bzw. Ehepartners übernehmen, geschieht das oft unter Zeitdruck und damit „alles in der Familie bleibt“.

Warum dies auf Dauer problematisch sein kann und welche gesünderen Alternativen es zu der Haltung „immer so weitermachen und durchhalten um jeden Preis" gibt, darüber haben wir mit dem Betroffenen „Herrn S.“ und der Expertin Suzanne Morshuis, leitende Oberärztin der Berolina Klinik in Löhne/Bad Oeynhausen gesprochen, wie Angehörige mit der großen psychischen und körperlichen Belastung durch die Pflege umgehen können.

Herr S. Sie pflegen Ihre Frau zu Hause. Wie kam es zu diesem Pflegefall? Kam das „aus dem Nichts“?

S.: „Aus dem Nichts“ trifft es ganz gut, das kam völlig überraschend. Nachdem meine Frau im August 2015 einen Schlaganfall hatte, lag sie 4, 5 Monate in einer BDH Klinik. Seitdem - also seit etwa zweieinhalb Jahren - pflege ich sie zuhause.

Eines Morgens meinte sie zu mir, sie könne sich kaum noch bewegen. Ich habe erst gedacht, es wäre ein Schwächeanfall, aber da es eigentlich nur die linke Seite betraf, kam die Befürchtung „Schlaganfall“ doch schnell auf und ich habe den Notarzt gerufen. Das war schon ein Schock.

Viele Menschen organisieren in solchen Fällen einen Platz in einem Pflegeheim. Warum haben Sie sich anders entschieden?
S.: Als meine Frau in der Klinik war, bin ich fast jeden Tag bei ihr gewesen. Und ich muss ehrlich sagen, dass ich die ersten Wochen auch mit mir gekämpft habe, ob ich mir das zutraue.

Aber mein Herz hat mir gesagt, ich will das machen. Und dann hatte ich das Glück, dass ich immer wieder mit den Pflegern und Ärzten sprechen, Therapien mitmachen, mir die Pflege quasi „abgucken“ konnte. Ich muss aber auch ganz klar sagen: Das ist so zeitaufwendig und kräftezehrend, dass ich das überhaupt nicht machen könnte, wenn ich nicht im eigenen Familienbetrieb arbeiten würde; und der Arbeitgeber nicht viele, viele Augen zugedrückt hätte.

Matthias S. und seine Frau lassen sich trotz des Schicksalsschlages nicht die Lebensfreude nehmen. Foto: Berolina Klinik

Was sind die größten Herausforderungen? Wie können die Pflegenden in solchen Situationen überhaupt einen klaren Kopf bewahren?

Expertin: Es ist in der Tat gerade für pflegende Angehörige besonders schwierig, sich selbst im Blick zu behalten und die eigenen Bedürfnisse zu sehen. Dafür gibt es viele Gründe, die durchaus umfassend und komplex sind. Zum einen ist die Pflege eines Angehörigen schon mal rein praktisch und körperlich gesehen anstrengend. Zum anderen handelt es sich ja um keine professionelle Beziehung zwischen dem Angehörigen und dem Pflegebedürftigen. Hier kommen viele psychodynamische, unbewusste Faktoren zum Tragen, die weder dem Pflegebedürftigen noch dem pflegenden Angehörigen meistens bewusst sind. Es können unbewusste Schuldgefühle auftreten, einerseits, weil der Pflegebedürftige sich als Last empfinden kann oder umgekehrt bei dem Pflegenden ein Schuldgefühl bei der (meist falschen) Vorstellung, nicht genug zu geben. Das sind nur Beispiele, die aufzeigen, dass viel mehr in der Beziehung zwischen diesen Menschen passiert als nur die „reine Pflegetätigkeit“.

Was waren, was sind heute die größten Herausforderungen?  Woran gewöhnt man sich, woran gewöhnt man sich nie?
S.:
Also zur Routine wird das - jedenfalls für mich persönlich – ganz sicherlich nicht; auch, weil eigentlich jeder Tag anders ist. Manchmal ist meine Frau wirklich „gut drauf“, an anderen Tagen geht nicht viel.

Ich sollte vielleicht noch sagen, dass die Prognose der Ärzte erstmal so war, dass meine Frau wahrscheinlich überhaupt nicht mehr aus dem Bett rauskäme. Da haben wir beide schon gesagt: „Na, das wollen wir erstmal sehen!“ So ein gewisser Kampfgeist hilft auf jeden Fall: Inzwischen kann meine Frau mit Gehhilfe schon wieder ganz gut gehen und die wichtigsten Dinge wie Toilettengänge selbstständig erledigen. Es ist ein harter Weg, aber es lohnt sich zu kämpfen!

Sie haben sich für ein Rehabilitationsangebot für pflegende Angehörige zur Entlastung Ihres Pflegealltags entschieden. Wie sieht ihr Pflegealltag aus, was waren Ihre Intentionen?
S.:
Grundsätzlich ist es so, dass in der Woche – ich gehe ja wie gesagt Vollzeit arbeiten – der Sozialdienst morgens kommt zum Waschen und Anziehen und so weiter, und einmal die Woche kommt eine Haushaltshilfe. Am Wochenende mache ich das alles selbst. Das empfinde ich auch nicht als Belastung, das mache ich gerne. Zur Belastung wird es, wenn man Vollzeit arbeiten und gleichzeitig die ganze Pflege übernehmen muss. Da gibt es in meinen Augen viel zu wenig Unterstützung. Wenn ich nicht arbeiten würde, wüssten wir wirklich nicht, wie das überhaupt gehen sollte.

Suzanne Morshuis ist leitende Oberärztin der Psychosomatischen Abteilung in der Berolina Klinik, Löhne//Bad Oeynhausen Foto:  Berolina Klinik

 

Wie erkennt man denn als medizinischer „Laie“, dass es einfach zuviel ist?

Expertin: Klare Signale, dass man Hilfe braucht, gibt es viele, die aber – wie gerade ausgeführt – oft aus verschiedensten Gründen nicht ausreichend beachtet werden. Häufig sind Müdigkeit, Antriebslosigkeit, Energie- und Kraftlosigkeit, Schlafstörungen, sozialer Rückzug, abnehmende Fähigkeit, sich zu freuen, deutliche Signale dafür, dass man Hilfe braucht.

Wie können Einrichtungen wie die Berolina Klinik helfen?

Expertin: Das Konzept „Selbstschonend pflegen“ umfasst die Behandlung des pflegenden Angehörigen in der Berolina Klinik und die Betreuung des pflegebedürftigen Angehörigen im ca. 5 Autominuten entfernten Seniorencentrum St. Laurentius. Da die meisten Pflegenden mit Erschöpfungs- und depressiven Symptomen zu uns kommen, werden sie oft in unser Behandlungskonzept für Depressionen integriert.

Da gerade Frauen besonders oft in die Pflege von Angehörigen eingebunden sind, bieten wir die Möglichkeit, an einer sogenannten „Strong Women 50 Plus“-Gruppe teilzunehmen, in der sich Patientinnen über frauenspezifische Themen – so auch die Pflege von Angehörigen - austauschen können. In manchen Fällen erfolgt auch eine Teilnahme in Angstgruppen oder in einer Selbstsicherheitsgruppe, in der selbstsicheres und selbstfürsorgliches Verhalten trainiert wird. Ergänzt wird das Therapieprogramm durch psychotherapeutische Einzelgespräche sowie die Vermittlung von Entspannungstechniken und einem individuellen krankengymnastischen Training. Es erfolgt eine intensive pflegerische, stationsärztliche und oberärztliche sowie psychotherapeutische Betreuung auf einer Station, in der die Mitarbeiter besonders auf die Problematik von pflegenden Angehörigen spezialisiert sind. Sehr hilfreich im Behandlungsprozess ist auch der Austausch der Patienten untereinander; hier erfahren die Patienten viel Verständnis, erhalten viele Tipps und können von alternativen Handlungsweisen von anderen Patienten in ähnlichen Situationen profitieren.

Oft ist ein wichtiges Rehabilitationsziel für den Pflegenden, Zeit für sich zu haben, die Wichtigkeit einer angemessenen Selbstfürsorge zu erfahren und dadurch Kraft zu schöpfen. Somit ist es hilfreich, dass während der Rehabilitationsmaßnahme ein gewisser räumlicher Abstand zwischen dem Pflegebedürftigen und dem pflegenden Angehörigen besteht.

Was raten Sie anderen, die Angehörige pflegen wollen?

S.: Ich kann nur nochmals betonen: Es lohnt sich zu kämpfen! Man muss sich informieren, man muss auch offen und ehrlich mit sich sein, sich Unterstützung suchen, Hilfe auch einfordern; aber am Wichtigsten ist es, mit Liebe und Leidenschaft dabei zu sein. Wenn die Pflege eine Herzensangelegenheit ist, sind die Chancen auf Besserung am größten!