Ganze 16 Jahre lang pflegte Almut Laudien gleich drei Angehörige zu Hause parallel. Ein Gespräch über ständige Rufbereitschaft, dankbare Momente und Pflege mit Liebe.

Ihr Schwiegervater hat Sie an ihrem 40sten Geburtstag überrascht, allerdings eher unangenehm - können Sie das schildern?

Ja, er erlitt an diesem Tag im Jahr 2000 seinen zweiten Schlaganfall, wurde mit dem Hubschrauber ins Krankenhaus geflogen und war seit dem Tag ein Pflegefall.

Erst bekam er Pflegestufe 1 und irgendwann sogar Stufe 3. Wir hatten uns von Anfang an entschlossen, ihn zu Hause zu pflegen. Meine Schwiegermutter konnte das nicht. Und wir wollten die beiden nicht trennen.

Er war aber nicht der einzige Fall.

Meine Schwiegermutter kam in 2007 hinzu und drei Jahre später mein Vater, der stark an Demenz litt. Wir haben also parallel drei Rentner gepflegt. Inzwischen lebt nur noch meine Schwiegermutter.

Viele Kinder geben ihre Eltern in Pflegeheime. Nicht immer, weil sie die Verantwortung scheuen, sondern auch auf professionelle Hilfe vertrauen. Warum haben Sie sich anders entschieden?

Wir hatten Berichte über Heime gesehen und empfanden sie eher als Aufbewahrungsstätten. Das hatten unsere Eltern nicht verdient. Schließlich haben sie sich auch um uns gekümmert und uns bei der Erziehung unseres Sohnes immer zur Seite gestanden.

Das wollten wir zurückgeben. Uns war das eine Herzensangelegenheit. Wir haben aber auch ein Helfersyndrom. Das gebe ich zu.

Was waren Ihre größten Herausforderungen?

Vieles musste ich neu lernen. Zum Beispiel, wie ich ein Laken wechsele, während die Person noch im Bett liegt.

Selbst wenn man acht Stunden eine Tageshilfe bekommt, bleibe ich dennoch 24 Stunden rund um die Uhr in Rufbereitschaft.

Wir sind immer in Rufbereitschaft gewesen. Meinem Schwiegervater hatten wir noch eine Klingel zur Verfügung gestellt. Mit der konnte er uns quasi befehlen. (lacht) Das haben wir bei meinem Vater dann nicht mehr gemacht, weil das zu stressig wurde. Dennoch bin ich natürlich auch bei ihm nachts alle zwei Stunden aufgestanden, um ihn zur Toilette zu begleiten.

Wegen seiner Demenz stand er nachts plötzlich im T-Shirt auf der Terrasse und hätte sich bei minus drei Grad fast eine Unterkühlung geholt. Wir mussten Türen daraufhin verschließen.

Man kann schon sagen, dass unser Leben von den Rentnern abhing. Selbst wenn man acht Stunden eine Tageshilfe bekommt, bleibe ich dennoch 24 Stunden rund um die Uhr in Rufbereitschaft.

 Schwiegermutter Maria und Papa Günter (†) beim Spaziergang - Foto: Privat

Welches waren die schlimmsten Momente?

Am meisten weh tat uns, beim körperlichen Verfall zuzusehen.

Wir sind körperlich und psychisch an unsere Grenzen gegangen.

Schrecklich war, als mich mein Vater nicht mehr erkannte und plötzlich mit „Sie“ ansprach.

Auch meine Schwiegermutter sagte irgendwann zu meinen Mann, dass sie nicht wüsste, wer er sei.

Gab es auch schöne Momente?

Ja, man leidet, aber freut sich aber auch mit ihnen, wenn sie wieder gesund werden. Es gibt viele dankbare Momente. Wenn sie sagen „ich habe Dich lieb“ und immer wieder „danke“. Deshalb machen wir diese Pflege mit Liebe.

Wichtig ist bei aller Aufopferung, wieder die Akkus für Energie aufzuladen. Ist Ihnen das gelungen?

Wir sind körperlich und psychisch an unsere Grenzen gegangen. Irgendwann konnten wir uns zum Beispiel nicht mehr um einen Garten kümmern, den wir bewirtschaftet hatten. Urlaub verbrachten wir nur zwei Stunden entfernt.

Es ist mir leichter gefallen, meinen Schwiegervater zu waschen, als meinen Vater.

Eine Sozialstation übernahm die Vertretung. Geplant haben wir aber immer nur eine Woche und haben möglicherweise auf 14 Tage verlängert - wir waren ständig auf Abruf.

Manchmal hätte ich mir schon eine Kur gewünscht. Wir zogen ja parallel noch unseren Sohn groß. Der hat sich aber toll entwickelt und macht jetzt erfolgreich eine Ausbildung.

Gerade Kindern fällt es häufig schwer, ihre eigenen Eltern zu pflegen, weil der nötige Abstand fehlt.

Das stimmt. Es ist mir leichter gefallen, meinen Schwiegervater zu waschen, als meinen Vater. Besonders, wenn man jemanden im Intimbereich reinigt, empfinden beide ein starkes Schamgefühl. Er war eben mein Papa.

Was raten Sie anderen, die ihre Angehörigen pflegen müssen oder wollen

Sie sollten sich bewusst machen, dass sich dieser Prozess über einen ziemlich langen Zeitraum hinstrecken kann. Ich bin jetzt wirklich „pflegemüde“.

Ich musste beruflich sehr zurückstecken.

In der Kindle-Edition gibt es bereits einen Ratgeber von mir, um anderen Betroffenen Tipps zu geben: „Plötzlich zu Hause pflegen: Der richtige Weg zur Pflegestufe - ein Pflege-Leitfaden von Almut Laudien“.

Wie hat sich Ihr Leben verändert?

Ich musste beruflich sehr zurückstecken. Es ist schwer, einen neuen Beruf zu finden. Inzwischen habe ich mit anderen in der Selbständigkeit eine Firma gegründet. Ich nutzte außerdem jede freie Minute und steckte jeden Cent in Weiterbildung, um nicht in die Rentenarmut zu kommen.

Zurzeit schreibe ich außerdem ein Buch über meine Erlebnisse mit den Rentnern. Jeder der drei Teile ist einem von ihnen gewidmet. Außerdem schreibe ich Gedanken und Erlebnisse in meinem Blog "plötzlich-zuhause-pflegen.de" nieder.