Seit Oktober dieses Jahres existiert ein neues Anpassungskonzept für Hörgeräte. Was verbirgt sich genau dahinter?

Derzeit ist das Probetragen verschiedener Hörgeräte über einen längeren Zeitraum fester Bestandteil der Hörgeräteanpassung. Dazu werden dem Hörgerätenutzer meist mehrere Geräte nacheinander zur Probe mitgegeben. Doch das menschliche auditive Gedächtnis ist nur bedingt in der Lage, Höreindrücke miteinander zu vergleichen, wenn diese zeitlich auseinanderliegen.

Das menschliche auditive Gedächtnis ist nur bedingt in der Lage, Höreindrücke miteinander zu vergleichen, wenn diese zeitlich auseinanderliegen.

Daher suchte man nach einer technischen Möglichkeit, die vergleichende Anpassung nicht nacheinander zu gestalten, sondern zeitgleich.

Genau das leistet das neue Anpasskonzept. Es ist weltweit derzeit einzigartig und ist in der Lage, bis zu drei voneinander unabhängig arbeitende Hörgeräteklassen in ein Testgerät zu integrieren. Der Hörgerätenutzer kann nun in ein und derselben Hörsituation zwischen den verschiedenen Hörgeräteklassen hin und her schalten und sich so von den Unterschieden in Klang und Leistungsfähigkeit der Komfortfunktionen überzeugen.

Die Unterschiede werden sehr gut wahrgenommen. In der Regel weiß der Nutzer bereits nach wenigen Tagen, welches Gerät für ihn passt.

Der künftige Hörgeräteträger hat aber nicht drei Geräte im Ohr, oder?

Nein. Aber es ist im Prinzip so, als ob er drei Geräte mit nach Hause nehmen würde, die sich jedoch ein Gehäuse teilen. So kann der Kunde die verschiedenen Geräteklassen in nur einem Gerät in den für ihn wichtigen Hörsituationen durch einfaches Hin-und-her-Schalten vergleichen.

Stellen Sie sich vor, Sie interessieren sich für neue Lautsprecher. Dann ist es sinnvoll, diese zunächst in einem Hi-Fi-Fachgeschäft Probe zu hören. Besser wäre es jedoch, die Lautsprecher mitzunehmen, um zu testen, wie diese in Ihrem Wohnzimmer klingen. Am besten wäre es allerdings, wenn Sie gleich zwei oder drei verschiedene Lautsprechertypen mit nach Hause nehmen könnten, um diese direkt miteinander zu vergleichen. Das ist im Bereich der Hörgeräte mit dem neuen Anpassungskonzept möglich.

Wie kann man sich das Hin-und-her-Schalten vorstellen?

Der Wechsel von einem Hörgerät auf das andere ist wahlweise per Programmtaste direkt am Testgerät oder per Fernbedienung möglich.

Welche Hörsituationen raten Sie den künftigen Trägern innerhalb der Testphase?

Die Testträger sollten die Hörsituationen besuchen, die ihnen die größten Probleme bereiten. Viele Hörgeräteträger haben in ruhigen Umgebungen weniger Schwierigkeiten, einer Unterhaltung zu folgen. Der Nutzen der hoch entwickelten Komfortfunktionen moderner Hörgeräte macht sich vor allem in komplexeren Hörsituationen wie in Gesellschaft, im Restaurant, im Straßenverkehr oder beim Einkaufen bemerkbar.

Es ist daher wichtig, dass der Träger in der Testphase genau die Orte aufsucht, die sein Gehör fordern. Ist er ein Liebhaber von Konzerten, besucht gern die Kneipe zum Fußballspiel oder trifft Freunde zu Essen, sollten die verschiedenen einprogrammierten Hörgeräte in genau  diesen Momenten gegeneinander getestet werden.

Welche Hörgeräte können mit dem neuen Anpasskonzept genau miteinander verglichen werden?

Derzeit kann man das Testgerät mit bis zu drei von fünf möglichen Geräteklassen belegen. Die fünf Geräteklassen reichen von der Einstiegs- bis zur Premiumklasse. Der Kunde kann also beispielsweise zeitgleich ein Einstiegsgerät mit einem Gerät aus der Mittelklasse und einem Premiumgerät zusammen ausprobieren – und wird am Ende für sich herausfinden, welches Gerät am besten zu ihm passt.

Wenn der Kunde sich nach der Anpassungsphase entschieden hat, wie geht es dann weiter?

Er geht zurück zum Hörgeräteakustiker und bespricht mit diesem seine gemachten Erfahrungen. Steht die bevorzugte Geräteklasse fest, bestellt der Akustiker nun ein Originalgerät in der gewünschten Bauform und Farbe und überträgt die Einstellung des Testgeräts in das neue Originalgerät. Damit dieses dann genauso klingt wie das Testgerät.

Wie ist das Kundenfeedback auf die Technologie?

Die ersten Rückmeldungen von Hörgeräteakustikern sind durchweg positiv. Sie sagen, dass viele Kunden bereits nach zwei bis drei Tagen das passende Gerät für sich gefunden haben.