Was wird unter Mangelernährung verstanden?

Sie ist ein ungewollter Gewichtsverlust. Die Ursachen, warum ein Mensch nicht mehr richtig essen oder trinken kann, können krankheits- oder altersbedingt sein.

Besondere Risikofaktoren sind zum Beispiel Tumore, Kurzdarmsyndrom, chronische entzündliche Darmerkrankungen oder chronische Herzinsuffizienz. In der Geriatrie sind zwei Drittel der älteren Menschen von Mangelernährung betroffen. Gründe sind hier unter anderem Zahnverlust, ein veränderter Geruchs- und Geschmackssinn, Schluckstörungen wegen Schlaganfall, steigende Hilfsbedürftigkeit und Immobilität. Aber auch psychische Belastungen können zu Appetitlosigkeit und mangelndem Durstgefühl führen.

Welche Folgen kann die Mangelernährung haben?

Gerade in der Onkologie wird die krankheitsbedingte Mangelernährung als typische Begleiterkrankung nicht häufig genug erkannt. Jeder Vierte der Krebserkrankten stirbt also nicht an seiner Grunderkrankung, sondern vorzeitig an den Folgen der körperlichen Auszehrung. Pro Jahr sind das mehr als 50.000 Menschen. Das ist deshalb so absurd, weil wir für diese Patienten ja mit der Therapie in der Onkologie eigentlich parallel Lebenszeit verlängern wollen.

Welche Anzeichen zeigen Personen mit einer Mangelernährung?

Es kommen mehrere Kriterien infrage. Der Body-Mass-Index ist unter 18. Es gibt einen ungewollten Gewichtsverlust von fünf Prozent in drei Monaten oder von zehn Prozent innerhalb der vergangenen sechs Monate. Dann sollten die Alarmglocken klingeln. Es gibt aber auch Patienten mit einem hohen Body-Mass-Index, deren Beine und Arme signifikant dünner werden, weil sie an Muskulatur verlieren.

Ich kenne Betroffene, denen das Steak früher nicht groß genug sein konnte und die sich plötzlich vor Fleisch ekeln. Andere liebten früher Kuchen und mit einem Mal schmeckt der wie Plastik oder Kleister.

Welche Herausforderungen sehen Sie bei Erkennung und Behandlung?

Es mangelt weniger an der Bereitschaft, vielmehr fehlt es schlicht an Mitteln, das Problem wirksam zu bekämpfen. Trotz aller Appelle der Politik fehlt es am Ende an Zeit und Geld, damit sich Ärzte und Pfleger in Krankenhäusern und Heimen als geschultes Personal darum kümmern können.

Hinzu kommt eine gewisse Blindheit gegenüber dem Problem, die ich selbst noch vom Beginn meiner beruflichen Laufbahn kenne. Vor 25 Jahren habe ich dieses Problem unterschätzt. Wie kann es Mangelernährung geben in einem Industrieland und mit Krankenhäusern der Maximalversorgung? Wichtig ist daher eine entsprechende Aufklärung.

Welche Behandlungsmöglichkeiten empfehlen Sie?

Mit einem Ernährungsscreening erfasst man den aktuellen Zustand des individuellen Risikos. Dann helfen ein sogenannter Behandlungspfad mit therapeutischen Maßnahmen und ihre Überwachung. Gefördert werden sollte dabei immer die orale Ernährung. Ein Diätberater kann wichtige Tipps geben.

Dann leistet eine optimale Ernährung gerade bei kranken Menschen einen wichtigen Beitrag für mehr Lebensqualität und Lebensdauer. Wie eine Blume, die endlich Wasser erhält, blühen sie regelrecht auf, wenn sie richtig ernährt werden.

Bei Krebspatienten ist mein Motto, dass Essverbote tabu sind. Einer meiner Patienten hasste früher Fisch. Inzwischen isst er mit Vergnügen Matjes – und das jeden Tag. Seine Frau fragt mich immer: „Herr Professor, darf mein Mann das denn?“ Offensichtlich, denn es geht ihm damit gut.