Pflegebedürftigkeit

Pflegebedürftigkeit bezeichnet einen Zustand, in dem eine Person durch eine Krankheit oder Behinderung dauerhaft nicht in der Lage ist, alltägliche Aktivitäten und Verrichtungen selbständig nachzugehen und deshalb Hilfe zur Bewältigung der daraus resultierenden Defizite benötigt. Das können Maßnahmen der Hilfestellung (Assistenz) oder Kompensation oder hauswirtschaftliche oder pflegerische Unterstützung sein. Diese werden häufig durch Angehörige übernommen, darüber hinaus erbringen Fachkräfte der professionellen ambulanten Pflegedienste oder Pflegeheime solche Leistungen.

Sie haben viele Jahre Ihre demenzkranke Mutter begleitet. Wie haben Sie diese Zeit wahrgenommen?

Zuerst einmal habe ich es nicht als Pflege, sondern als selbstverständlich empfunden, sie während ihrer Demenz 20 Jahre zu begleiten. Meine Mutter lebte bei uns im Haus. Irgendwann müssen Sie neben dem eigenen Lebenskreis dann noch einen zweiten organisieren.

Um Termine wie für Arzt, Friseur, Freundinnen oder Amt kümmern Sie sich mit einem Mal doppelt. Ist ihre Wäsche in Ordnung? Welche eigenartigen Sachen kommen aus dem Ofen, wenn sie backt? Das ist eine Lebensbegleitung rund um die Uhr und das ganze Jahr über. Sie sind die Person, die ständig verfügbar sein muss und physisch und psychisch gefordert ist.

Stärker als zum Beispiel meine drei Kinder hatte ich natürlich eine engere Bindung zu meiner Mutter. Das kann Sie irgendwann überfordern. Sie fühlen sich wie in einem Tunnel, der immer enger wird. Im Gegensatz zu anderen Betroffenen konnte ich als selbstständig Beschäftigte in der Arztpraxis meines Mannes wenigstens meine Zeiten variabel einteilen. Das ist bei vielen Berufstätigen anders. So flexibel ist die Arbeitswelt heute noch nicht.

Wie empfinden Sie die Situation der Pflege in Deutschland?

Unser Pflegesystem beruht gedanklich noch auf dem System Bismarcks. Es gilt die Generationensolidarität. Allerdings funktioniert die nur mit dem damaligen klassischen Familienmodell, bei dem der Vater zur Arbeit ging und die Mutter zu Hause Kinder und Großeltern versorgte.

Wie soll eine Berufstätige mit Kindern auch noch ehrenamtlich zu Hause rund um die Uhr die eigenen Eltern pflegen?

Heute ist die Situation völlig anders. Frauen sind gut ausgebildet, nehmen zunehmend gleichberechtigt am Arbeitsleben teil, sind in Vorständen vertreten und tragen ihren Teil zum Bruttosozialprodukt bei. Man braucht heute außerdem zwei Verdiener in der Familie, wenn man bei den ansteigenden Preisen Kinder großziehen und den Lebensstandard halten möchte.

Viele Angehörige kümmern sich dennoch gern um ihre Pflegebedürftigen. Auch Kinder können ja schon zum Pflegefall werden. Es kann jeden von uns plötzlich treffen. Aber wie soll eine Berufstätige mit Kindern auch noch ehrenamtlich zu Hause rund um die Uhr die eigenen Eltern pflegen?

Sie sprechen das Ehrenamt an. Wie beurteilen Sie die Finanzierung dieser Leistungen?

Das ist das nächste Problem. Wovon sollen pflegende Angehörige leben? Sie haben keine gesicherte Einkommensquelle. Es gibt keinen Kostenträger für Angehörigenpflege und oft keinen Partner wie zu Bismarcks Zeiten, der mitverdient. Die Pflegegelder stehen dem Pflegebedürftigen, dem Versicherungsnehmer zu. Eine Vorsorge für die eigene Pflegebedürftigkeit ist meist nicht möglich.

Das ist Ihre Kritik – was kann man besser machen?

Was mich irritiert, ist, dass die Beiträge zur Sozialversicherung zwangssolidarisch von unseren Entgelten abgehen und wir gleichzeitig als Angehörige ehrenamtlich den größten Teil der Pflege leisten. Wir sind also Finanziers, Auftraggeber und Dienstleister in einer Person.

Wir Angehörige müssen in unseren Sozialräumen selbst eine Lobby für unsere Angelegenheiten bilden und uns als selbstbewusste Bürger und Wähler vor Ort mit einbringen. Wir müssen mit an den runden Tischen sitzen und unsere Erfahrungen und Forderungen selbst vertreten.

Bislang sitzen dort vor allem Vertreter aus Politik, Wirtschaft und Wissenschaft, die „für und über“ Angehörige sprechen und entscheiden. Klarer definiert werden müsste auch der Begriff „Pflege“. Ist damit nur die professionelle Pflege gemeint oder gleichberechtigt auch die Angehörigenpflege?