Wie in vielen Demenz-Foren im Internet zu lesen ist, sind pflegende Angehörige gerade zu Beginn der Erkrankung völlig verzweifelt und oftmals überfordert und wütend auf ihre Liebsten. Sie schimpfen und jammern über deren neue und befremdliche Angewohnheiten und verstehen die Welt nicht mehr. Sehr häufig begegnen einem beispielsweise solche Beiträge:„Der Opa benutzt die Toilette nicht mehr, sondern nur noch den Papierkorb,“ oder „meine Mutter rennt Tag und Nacht durch die Gegend, das macht uns wahnsinnig,“ oder „mein Vater wird frech, weil er nicht mehr Autofahren darf,“ oder auch „mein Mann liegt nur noch im Bett und schläft den ganzen Tag, das ist doch nicht mehr normal.“

Solche und ähnliche Hilferufe geistern nahezu täglich zu hunderten durch das Netz und wenn ich sie lese, würde ich am liebsten jeden Einzelnen in den Arm nehmen und trösten, denn ich bin durch die gleiche Hölle gegangen, als sich die Krankheit durch starke Verhaltensänderungen bei meinem Mann Josi bemerkbar machte. Völlig unverständig und manchmal auch sehr zornig reagierte ich zum Beispiel auf sein gesteigertes Schlafbedürfnis.

Er lag bis mittags im Bett, zog sich, wenn überhaupt, erst am Nachmittag an, setzte sich in seinen Sessel und schlief erneut, wodurch er auch manche Mahlzeit verpasste. Ich verglich ihn mit dem Siebenschläfer Pietzke von Janosch, zankte ihn aus, dass mir die ewige Pennerei auf den Wecker ginge, dass ich ständig Essen im Müll entsorgen müsste und so gab schnell ein Wort das andere und es wurde sehr ungemütlich bei uns.

Irgendwann kam mir jedoch die Erleuchtung, dass es wenig Sinn macht, mich über etwas aufzuregen, was ich nicht ändern konnte. Diese neue Erkenntnis war wie ein Befreiungsschlag für mich. Anstatt mich aufzuregen, akzeptierte ich einfach die neuen Gegebenheiten und passte mich an. Alte Gewohnheiten und starre Regeln schmiss ich leichten Herzens über Bord und wurde lieber flexibel und gleichzeitig ausgeglichener. Ich hielt nicht mehr stur an üblichen Essenszeiten fest, sondern zauberte kleine Mahlzeiten, wann immer Josi danach war. Wenn er im Bett lag, machte ich meine Besorgungen und wenn er im Sessel schlief, setzte ich mich in Reichweite an den Computer und arbeitete.   

Es war meinem Mann sehr schnell anzumerken, dass er sich rundherum wohler fühlte und wesentlich entspannter war und so wurde auch die Stimmung im Haus wieder fröhlich, liebevoll und harmonisch.

Eigentlich war der Schritt in die richtige Richtung relativ einfach gewesen, ich musste nur meine eigene Einstellung ändern und das tat ich, in dem ich mich seinem neuen Tagesrhythmus anpasste und ihn nicht mehr boykottierte. Es waren zwei Sätze von Josi, die mich dazu gebracht hatten, mein eigenes Verhalten zu überdenken und letztendlich zu korrigieren. Einmal sagte er: „Mach mich lebendig, bei mir ist alles kaputt,“ sowie „in meinem Kopf ist alles dunkel.“

Mit diesen verzweifelten Äußerungen hatte er mich mitten ins Herz getroffen und meinen Beschützerinstinkt geweckt, der mich auch in Zukunft nicht mehr verließ. Ich wurde wieder zur Mutter, die sich auf ihr Bauchgefühl verlassen konnte und ich nahm mein großes Kind an die Hand und tröstete und behütete es, wenn es Angst bekam oder sich vor der Dunkelheit fürchtete. Es war anstrengend, diese Rolle noch einmal auszufüllen, aber sie brachte mir meinen Seelenfrieden zurück und Josi die Geborgenheit, die er so dringend benötigte.