Professor Dr. Siegemund, Vorsitzender der Geschäftsführung der B·A·D Gesundheitsvorsorge und Sicherheitstechnik GmbH im Interview.

Herr Prof. Dr. Siegemund, am 3. Juli 2012 wurde im Haus der Normung in Berlin ein neuer Standard zur Zertifizierung des  Betrieblichen Gesundheitsmanagements (BGM) vorgestellt, die DIN SPEC  91020. Warum wurde diese Spezifikation erarbeitet?

Die Nachfrage nach der Etablierung von BGM-Systemen nimmt stark zu. Gleichzeitig gibt es einen großen Orientierungsbedarf und Verunsicherung, was zum Beispiel Begrifflichkeiten oder das richtige Vorgehen angeht. Deshalb setzen wir uns für eine BGM-Zertifizierung ein, die gewisse Standards festlegt, die in einem Unternehmen erfüllt sein müssen. Mit der neuen DIN SPEC 91020 ist der erste Schritt in die richtige Richtung gemacht.

Welche Vorteile hat eine Normung beziehungsweise Standardisierung?

Generell besteht der Nutzen einer Normung in der Rationalisierung durch Verbesserung von Produktivität, Rentabilität und Wirtschaftlichkeit. Normen bedeuten aber auch Sicherheit und die Minderung von Gefahren und Risiken – was bei der DIN SPEC 91020 deutlich wird. Als allgemein gültiger und akzeptierter Standard schafft eine Norm oder eine Spezifikation vor allem Sicherheit bei der Orientierung und Umsetzung.

Warum wurde im Fall der DIN SPEC 9102 das Verfahren einer Spezifikation gewählt?

Während Normen durch einen umfangreichen in der Regel mehrjährigen Erarbeitungsprozess gekennzeichnet sind, geht es bei der Entwicklung von Spezifikationen hauptsächlich um Branchenlösungen und um Schnelligkeit. So kann Wissen schnell allen zugänglich gemacht werden. Bei DIN SPEC-Verfahren haben wir einen Zeitgewinn von 75 Prozent. Von der ersten Sitzung Ende September 2011 bis zur Veröffentlichung sind bei der DIN SPEC 91020 nur neun Monate vergangen.

Welche Partner waren bei der Entwicklung der neuen Spezifikation beteiligt?

Die DIN SPEC wurde von der B·A·D GmbH beim Deutschen Institut für Normung (DIN) e.V. initiiert. Dort betreute die Koordinierungsstelle Managementsystemnormung (KoSMaS) den Prozess der Entwicklung durch ein Expertengremium. 20 Institutionen aus den Bereichen Wissenschaft, Unfallkassen, Gewerbeaufsicht, Zertifizierer, Krankenkassen, Normung und Dienstleistung hatten ihr Interesse bekundet und waren bereit, in dieser Arbeitsgruppe mitzuarbeiten.

Wo liegen die Unterschiede zwischen betrieblichem  Gesundheitsmanagement und Arbeitsschutzmanagementsystemen?

Beide bauen letztlich auf dem gesetzlich geregelten Arbeitsschutz auf. Während Arbeitsschutzmanagementsysteme aber vor allem die Minimierung arbeitsplatzbezogener Sicherheitsrisiken betrachten, thematisiert ein Betriebliches Gesundheitsmanagement die Förderung allgemeiner Gesundheitsfaktoren und zwar über die gesetzlichen Anforderungen und den betrieblichen Bereich hinausgehend. Ziel ist es, die Gesundheit ganzheitlich zu erhalten oder zu fördern, ohne Unterscheidung, ob negative Einflüsse auf diese primär im privaten oder beruflichen Kontext begründet sind.

Welche Vorteile ergeben sich für Unternehmen, die am  BGM-Zertifizierungsprogramm teilnehmen?

Mit einer BGM-Zertifizierung erfährt der Unternehmer von einer unabhängigen Stelle, wo er mit seinem Angebot steht und erhält Impulse für Verbesserungen seines Systems. Der Unternehmer geht aber mit der Zertifizierung auch eine Selbstverpflichtung ein, die dazu motiviert, das System kontinuierlich zu verbessern. Außerdem wird ein Unternehmen durch ein zertifiziertes BGM auch für (potenzielle) Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter attraktiver.